Weltliteratur um den Genfer See

Bericht über die Literaturreise vom 30. August bis 2. September 2017

Am letzten heißen Tag dieses extremen Sommers machten wir uns bei strahlendem Wetter auf den Weg nach Twann am Bieler See, wo uns em. Univ.-Prof. Dr. Hans- Jürgen Schrader als literarischer Reiseleiter in Empfang nahm. Obwohl sein Zug von Genf aus verspätet war und er seinen Anschluß fast verpaßt hätte und auch wir noch kurz vor dem Ziel vor einer verbarrikadierten Autobahnabfahrt einen anderen Weg suchen mußten, klappte alles wie am Schnürchen. Prof. Schrader erläuterte kurz die Beziehungen Dürrenmattts zu Twannn, der hier eine Zeitlang gelebt hatte, dann ließ die Schiffahrt auf die St. Petersinsel den Alltag endgültig vergessen. Vorbereitet durch das Vorlesen der Fünften Träumerei aus Rousseaus „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, in der er fünfzehn Jahre später seinen Aufenthalt auf der Insel schilderte, und einiger Informationen über seine Verfolgungsgeschichte während der Busfahrt wandelten wir auf Rousseaus Spuren auf der romantischen Insel mit ihren eindrucksvollen alten Bäumen umher, nahmen einen kleinen Imbiß im Klosterrestaurant ein und besichtigten die beiden Zimmer, die er hier bewohnt hatte. Auch Spuren der Kirche und des cluniazensischen Klosters waren noch zu sehen. Den Abschluß bildete ein Tanzhaus, wo Goethe auf seiner Schweiz-Reise 1779 mit Herzog Karl August an einem Winzerfest teilgenommen hat. Bei der Weiterfahrt per Schiff nach Erlach ballten sich die Gewitterwolken schon bedrohlich zusammen, doch wir konnten auch das hübsche mittelalterliche Städtchen Erlach trockenen Fußes besichtigen. Abends erkundeten wir noch Nyon mit seinem schönen alten Stadtkern und als Höhepunkt den römischen Ruinen: drei Säulen als Reste eines antiken Tempels und das Forum mit der Gipsnachbildung einer überlebensgroßen Büste von Julius Caesar vom Forum Romanum.
Am nächsten Tag, schon bei grauem, wolkenverhangenen Himmel, der aber den Genfer See besonders romantisch erscheinen ließ, und immer begleitet von Prof. Schraders kundigen Erläuterungen, passierten wir Coppet, das Schloß, wo Madame de Stael residierte, und Fernet Voltaire, den Ansitz des großen Aufklärers, das man derzeit wegen Umbau nicht besichtigen kann. Der erste Halt war die Villa Diodati, der Aufenthaltsort von Goethe und Herzog Karl August 1779, von deren Park man einen besonders schönen Blick auf den Montblanc gehabt hätte… Nächstes Ziel war die Fondation Bodmer in Cologny oberhalb des Genfer Sees. Dort, in der Villa von Mme de Staels Vater, dem ehemaligen französischen Finanzminister Necker, entsprang bei einem Aufenthalt von Lord Byron, Shelley und dessen späterer Frau Mary Wollstonecraft die unsterbliche Gruselgeschichte „Frankenstein“ der Feder von Mary Wollstonecraft. Und hier erwartete uns der erste Höhepunkt der Reise: Eine Führung durch die weltweit einmaligen Schätze an Handschriften, Inkunabeln und seltenen Drucken durch den Direktor Prof. Jacques Berchtold persönlich, der durch seinen Vortrag die Dokumente erst so recht zum Leben erweckte. Als Beispiel sei nur das weltweit einzige Exemplar des Judasevangeliums genannt, das eine amerikanische Sekte für einen gigantischen Betrag kaufen wollte, um diese Verkörperung des Bösen dann verbrennen zu können. Nach dem Mittagessen in einem Bistro gleich nebenan fuhren wir in die Stadt Genf und besichtigten das überschlanke Denkmal von Kaiserin

Elisabeth an der Stelle an der Uferpromenade, an der sie 1898 von dem Anarchisten Lucheni erstochen wurde, das neugotische Monument Brunswick, das Grabdenkmal des Herzogs Karl II. von Braunschweig, der 1830 wegen eines Aufstands fliehen mußte und den Staatsschatz mitnahm, aus dem dann die Universität Genf und das Opernhaus erbaut wurden. Nächste Station war die Musil-Büste von Fritz Wotruba an der Stelle, wo Musils letztes Wohnhaus stand. Prof. Schrader las in der Cafeteria der Universität Briefe Musils aus seinem Genfer Exil vor, die von seiner materiellen Not beredtes Zeugnis ablegen. Vorbei am Reformationsdenkmal im Parc des Bastions, wo Calvin und Consorten wie bedrohliche Ayatollahs aussehen, stiegen wir dann noch in die Altstadt hinauf, zum Wohnhaus von Borges, dem Geburtshaus von Rousseau und schließlich zur Kathedrale, bevor sich die Gruppe auf verschiedene Genfer Lokale verteilte.
Am 1. September reisten wir am Genfer See entlang zwischen Weinbergen bis Corsier bei Vevey, wo wir dem Grab von Charlie Chaplin einen Besuch abstatteten; manche nutzten die Gelegenheit, auch die romanischen Fresken in der Kirche zu besichtigen. Montreux, das geradezu nach Geld stinkt, durchfuhren wir ohne Halt im Gedenken an Vladimir Nabokov, in Territet stoppten wir für ein weiteres Denkmal der Kaiserin Elisabeth, die hier mit einem Band Heine in der Hand abgebildet ist. Nach dem Mittagssnack in Chillon und vorbereitet durch Prof. Schraders Erläuterungen zu Francois Bonivard, dem Genfer Protestanten, der hier im 16. Jahrhundert von den katholischen Savoyern eingekerkert war und über den Lord Byron sein Gedicht „The Prisoner of Chillon“ geschrieben hat, besichtigten wir den imposanten Burgkomplex, das meistbesuchte historische Denkmal der Schweiz. Informationen zu Eßgewohnheiten oder Buchhaltung im Mittelalter lenkten etwas vom Schauer über die Haftbedingungen Bonivards ab. Das Wetter ließ es zu, daß wir ins Wallis weiterfuhren und dort noch der Cascade de Pisse-Vache, einem an sich schon schönen Wasserfall mit mehreren Armen, einen Besuch abstatteten, der durch Goethes Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ in unsterbliche Literatur verwandelt wurde. Nicht am Lauterbachfall, wie viele glauben, sondern hier faßte Goethe die erste Idee zu seinem berühmten Gedicht. Der kulinarische Höhepunkt war das Abendessen im französischen Divonne-les- Bains, einer kleinen Stadt, deren Attraktivität in zahlreichen Quellen und einem Kasino besteht. Hier hieß es auch Abschied nehmen von Prof. Schrader, der am nächsten Tag schon wieder zu einem unaufschiebbaren Termin weitereilen mußte. Seine wohlinformierten, lebendigen Erläuterungen, ergänzt durch Beobachtungen über die Eigenheiten der Deutsch- und Welschschweizer, die er in seinem fast dreißigjährigen Leben in Genf gemacht hat, machten die Reise zu einem so lehrreichen wie vergnüglichen, manchmal auch anstrengenden Erlebnis. Der letzte Tag wartete mit einem weiteren Höhepunkt auf: „Chaplins’s World“ in Vevey, einem Komplex aus dem ehemaligen schloßartigen Wohnhaus von Chaplin mit riesigem Park und den Studios, wo er von 1953 bis zu seinem Tod 1977 mit seiner Frau Oona und den acht Kindern gelebt hat. Auf der Weiterreise gelang es unserem bewährten Fahrer Hubert Müller, der auch in schwierigsten Situationen immer die Ruhe bewahrte, einen angekündigten Stau von 143 Minuten zu umfahren, sodaß wir pünktlich um 18h in Bregenz eintrafen.